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Gute Vorsätze, unklare Vorgaben

ESG – Neue Maßstäbe für das Investment

Neue Maßstäbe verändern das Investment. In den kommenden Jahren werden die ESG-Faktoren immer bedeutsamer: Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und eine korrekte Unternehmensführung (Governance) bestimmen künftig die Finanzmärkte.

Noch steht die Investmentwelt erst am Anfang des Umbaus. Doch bereits vor der massiven Unterstützung durch aufgeschreckte Politiker legt das nachhaltige Investieren eine enorme Dynamik an den Tag. In nur zwei Jahren — gerechnet von Januar 2016 bis Januar 2018 — haben entsprechende Investments um 34 Prozent zugelegt. Wie die Global Sustainable Investment Alliance in ihrem zweijährlichen Trendreport berichtet, umfassen sozial- und umweltverträgliche Anlagen mittlerweile 30,7 Billionen US-Dollar. Weltweit seien Klimawandel und nachhaltige Strategien ein Publikumsrenner, berichten die Geldverwalter. Entsprechend hat sich der Anteil der Privatanleger von elf auf 25 Prozent mehr als verdoppelt. Gemessen am von Kleinanlegern gehaltenen Kapital machen ethische Fonds bereits ein Viertel aus.

Europa ist nach wie vor der wichtigste Markt, Japan mit einer Vervierfachung des Volumens aktuell der wachstumsstärkste. Dass dort nach einer Überarbeitung der Anlagevorschriften fast jeder fünfte professionell ange­legte Yen nachhaltig investiert ist, lässt aufhorchen. Auch in Europa, in dem ethische Investments um elf Prozent auf 11,7 Billionen Euro zugelegt haben, wächst der politische Druck.

Der Wachstumsschub in Europa ist unvermeidlich. Schon lange vor dem aktuellen Klimaschutz-Hype in Politik und Medien hat sich die Europäische Union zur nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene verpflichtet. Das verwegene Versprechen auf der Pariser Klimakonferenz, in nur 15 Jahren die CO2-Emissionen um 40 Prozent oder mehr zu senken, lässt sich mit EU-Haushaltsmitteln allein nicht einlösen. Man nimmt daher private und institutionelle Anleger und die Finanzindustrie in die Pflicht.

Politik nimmt Anleger in die Pflicht

Das Netz werde in Deutschland bereits engmaschig geknöpft, sagt Regulierungsexperte Christian Waigel. Dem Münchner Rechtsanwalt zufolge müssen die über Mifid erfassten Finanzmarktteilnehmer, also Anlageberater, Vermögensverwalter, aber auch Versicherungsvermittler abfragen, welche Nachhaltigkeitsziele ihre Kunden verfolgen. Diese werden dann auf dem nach Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) vorgeschriebenen Bogen vermerkt und bestimmen die zur Geeignetheitsprüfung tauglichen Produktvorschläge.

Klare Definitionen sind aber noch Mangelware. Investmentgesellschaften, die bereits lange in diesem Bereich tätig sind, haben hier klarere Vorstellungen als Neueinsteiger. Über Ratingagenturen, die komplexe Nachhaltigkeitsberichte auf die entscheidenden Kernaussagen komprimieren, und Unternehmen, die sich besseres Ansehen und bessere Finanzierungskonditionen erwarten, erfolgt die Begriffsbestimmung aus zwei konträren Positionen.

Kurzum, so klar die Vorgaben sind, so unklar ist, wie Finanzmarktteilnehmer sie verordnungsgerecht erfüllen sollen. Um auf Nummer sicher zu gehen, dürften daher viele die Verantwortung auf ausgewiesene Nachhaltigkeitsexperten delegieren und auf etablierte Fonds dieser Vorreiter zurückgreifen.

Das Anlage-Spektrum hängt von der Zielsetzung ab

Das Anlage-Universum nach ESG-Kriterien ist am ehesten nach den Zielsetzungen zu definieren. Die Profitabilität muss dann nach anderen Kriterien überprüft werden. Ordnet man nachhaltige Investments nach der Komplexität der nötigen Analyse, sind sozial verträgliche Anlagen am einfachsten erklärt — aber mangels Angebot am schwierigsten investierbar.

Man sucht eine Wirtschaftstätigkeit, die zu einem sozialen Ziel beiträgt. Ein solches Unternehmen könnte beispielsweise Ungleichheiten bekämpfen, sozialen Zusammenhalt und Integration fördern, zu gerechten Arbeitsbeziehungen beitragen, in Humankapital investieren oder wirtschaftlich oder sozial benachteiligte Gemeinden unterstützen. Für Waigel ist Wunschdenken kein ökonomisches Geschäftsmodell: „Es gibt nur wenige Titel mit dem Profil eines Kolpingwerks“, sagt er.

Mehr Unternehmensbezug hat das Good-Governance-Kriterium. Es gibt Firmen mit soliden Managementstrukturen und fairen Mitarbeiter- und Lieferantenbeziehungen. Kritischer wird die Beurteilung bei der korrekten Bezahlung und Einhaltung der Steuervorschriften. Wie sollen Externe solche Positionierungen verifizieren. „Reicht eine Unterschrift unter den deutschen Good-Governance-Kodex?“, fragt sich Rechtsanwalt Waigel. „Und ist steuerredlich, wer den Jahresabschluss testiert bekommt, oder jeder, gegen den der Fiskus nicht offiziell ermittelt?“

Umweltbezug mit Widersprüchen

Die positive Wirkung auf die Umwelt klingt am einfachsten, ist in der Realität aber am kompliziertesten. Denn ein entsprechendes Unternehmen muss zu einem von sechs ­definierten Umweltzielen wesentlich beitragen, ohne gleichzeitig eines der anderen fünf nachhaltig zu beeinträchtigen. Im Klartext wäre das Elektromobilität ohne umweltschädliche Batterietechnik.

Die Entwürfe der EU-Bürokratie sehen hier aktuell Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, Nutzung und Schutz von Wasser und Meer, Kreislaufwirtschaft und Recycling sowie den Schutz gesunder Ökosysteme als sich gegenseitig ergänzende Vorgaben an.

Nüchtern betrachtet, geht die Nachhaltigkeit für Anleger so schnell perdu. Vermögensverwalter mit festgelegten ESG-Vorgaben müssten Titel sofort abstoßen, wenn etwa ruchbar wird, dass sie in einem Umweltziel top sind, ein anderes aber verletzen. Der Zwang zu sofortigem Handeln könne extreme prozyklische Bewegungen auslösen, warnt Waigel. Es trifft viele, wenn ein Unternehmen in einen Umweltskandal verwickelt wird oder entsprechende Berichte daran zweifeln lassen, ob es noch den Good-Governance-Vorgaben entspricht. Wenn nicht, müssen alle den Titel verkaufen, obwohl der Kurs in den Keller gerauscht ist. Das Aussitzen eines Skandals wird verboten und kann für die Aktionäre recht dramatische Folgen ­haben.

„Titel mit guter ESG-Positionierung lassen stabilere Kurse erwarten.“ (Thomas Kruse, Amundi)

Aufgetürmt

Im Grünen wohnen lässt sich auch im Hochhaus. Eine nachhaltige Umbesinnung steht auch in der Kapital­anlage an. Nordea mischt hier seit jeher vorne mit.

In der Nachhaltigkeit zu Hause

Der größte Asset-Manager Europas setzt auf verantwortungsbewusstes Investieren. Für Amundi ist es ein Megatrend. Die Fondsgesellschaft erwartet einen Wachstumsschub und will Ende 2021 Kundenvermögen generell nach ESG-Kriterien managen

Auf die wesentlichen Inhalte konzentriert

Dem Namen nach sind alle Nachhaltigkeitsberichte gleich. Wie beim Wasser unterscheiden sich die Inhalte aber gewaltig. Ratingagenturen komprimieren mit viel Fachkenntnis die ­relevanten Schlüsselkriterien zu einer Analyse. Das nimmt Investoren viel Arbeit ab.

2019-11-19T14:49:11+01:00