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Auf die wesentlichen Inhalte konzentriert

ESG-Rating – Ratingagenturen nehmen Investoren Arbeit ab

Dem Namen nach sind alle Nachhaltigkeitsberichte gleich. Wie beim Wasser unterscheiden sich die Inhalte aber gewaltig. Ratingagenturen komprimieren mit viel Fachkenntnis die ­relevanten Schlüsselkriterien zu einer Analyse. Das nimmt Investoren viel Arbeit ab.

Schon ein kurzer Blick auf die Plattform corporateregister.com zeigt die Flutwelle. Investoren waren dort Ende September mit 107 616 Nachhaltigkeitsberichten konfrontiert, die 18 043 Organisationen weltweit bereitgestellt hatten. Allein aus Deutschland stammen knapp 7000 von 1200 Firmen — gut zwei Drittel so viel, wie die US-Unternehmen insgesamt liefern. Mit Umfängen von bis zu 250 Seiten ist das Lesestoff für Monate und Zeit, die sich die wenigsten Anleger leisten können.

Dazu kommt, dass Selbstdarstellung und Realität nicht zwangsläufig deckungsgleich sind oder dem Informationsinteresse eines Anlegers entsprechen. Daher etablieren sich zunehmend Dienstleister, die Anlegern, Beratern und Investmenthäusern bei einem detaillierten ESG-Rating von Unternehmen unterstützen. Die großen internationalen Nachhaltigkeits-Ratingagenturen — Sustainalytics, MSCI ESG, ISS oekom oder Vigeo Eiris — haben bereits große Onlineplattformen mit Tausenden von Einzelunternehmen aufgebaut. Ihre meist kurz gefassten Analysen und Ratings sind Grundlage vieler Anlage-Entscheidungen, wobei jeder Investor seinen eigenen Kriterien folgt. Traditionell haben etwa Kirchen und Stiftungen spezielle Vorlieben.

ESG-Rating: Anbieter sitzen zwischen zwei Stühlen

Der Rating-Markt wächst rapide, dafür sorgt das Interesse von beiden Seiten, Anlegern und Anbietern. Mittlerweile werden Nachhaltigkeitsbewertungen auch direkt von Unternehmen in Auftrag gegeben und bezahlt. Sie erleichtern beispielsweise die Anleihen-Emission von Green Bond oder den Zugang zu Sustainable Incentive Loans. So nennt man nach ESG-Kriterien abgestufte Zinsen auf Bankkredite, die mittlerweile etliche Geldhäuser anbieten.

Die Rating-Agenturen sitzen dabei zwischen zwei Stühlen. Die Unternehmen scheuen den Aufwand, Jahr für Jahr detailliertere Kriterienkataloge beantworten zu müssen. Die Anleger dagegen haben durchaus unterschiedliche Interessen, die sich nicht mit einer Standardabfrage abdecken lassen. Zudem ist das ESG-Profil der Teilsegmente nicht konstant, sondern laufendem Wandel unterworfen. Auch die öffentlich verfügbaren Daten verändern sich mit zunehmenden Berichtspflichten.

Wichtig ist, dass dabei die Konsistenz gewahrt bleibt: Rating-Kriterien, die in einem Jahr starkes Gewicht hatten, dürfen nicht über Nacht entfallen.

In der Praxis konzentrieren sich die ­Anbieter von Nachhaltigkeitsratings ­unabhängig von den abgefragten Geschäftsfeldern und Branchen auf möglichst wenige Kernaussagen. Trotzdem bleiben 80 bis 100 „Key Performance Indicators“ (KPI) notwendig. Diese Schlüsselkriterien definiert jeder Anbieter anders, wobei Verbände wie die Global ­Reporting Initiative oder die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management die Richtung vorgeben.

Wie die Erhebungsbögen werden sie ständig weiterentwickelt, oft zusammen mit einem wissenschaftlichen Beirat. Das ist ein komplexes Zusammenspiel. Was aktuell als „nachhaltig“ anzuerkennen ist, bestimmen der Stand der Technik und der öffentlichen Diskussion ebenso wie die gesetzlichen Vorschriften und Regularien.

Der ganzheitliche Ansatz kommt auch in Unternehmensberichten zum Tragen. Gerade in großen Firmen ist die frühere Trennung in finanziell relevante Themen und nicht finanzielle Leistungsindikatoren nicht mehr aufrechtzuerhalten. Das belegt beispielsweise der „KPMG Survey of Corporate Responsibility Reporting 2017“.

Alle zwei Jahre nimmt der globale Wirtschaftsprüfer die Nachhaltigkeits­berichte der 100 größten Unternehmen in 49 Ländern unter die Lupe. Drei von vier berichten bereits zu CSR und Nachhaltigkeit, ähnlich viele tasten sich an Menschenrechts-Themen heran. Knapp die Hälfte orientiert sich bereits an den 17 SDG-Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen.

Große Hürden für kleinere Unternehmen

Der Schulterschluss der Großen benachteiligt im Nachhaltigkeitsrating allerdings die Kleinen. Denn dort bringen Unternehmenspolitik, Managementsysteme und ausgefeilte Governance sowie ausführliche Berichterstattung die Pluspunkte ein. „Eine solche Bewertungsmethodik passt vorrangig zu großen, börsennotierten internationalen Unternehmen“, moniert der Leiter von imug rating, Axel Wilhelm. „Sie ist nur begrenzt auf vergleichsweise kleine Firmen übertragbar, die nachhaltig agieren, denen aber Team, Zeit und Mittel fehlen, das nachhaltig zu kommunizieren.“ Folglich schneiden bei großen Agenturen Mittelständler in der Regel bestenfalls durchschnittlich ab.

Als Gegenmodell hat imug rating ein ­„Corporate Sustainability Rating“ ent­wickelt. Es legt weniger Gewicht auf die klassischen ESG-Managementleistungen. Dafür können Mittelständler mit nachhaltigem Geschäftsmodell, lokalem Engagement und kontroversefreiem Verhalten angemessen punkten. In der Berichterstattung orientieren sich kleinere Unternehmen oder Firmen mit kurzer Wertschöpfungskette oder sehr kleinem Budget besser am Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Dieser umfasst weniger komplexe Berichtspflichten.

Die Kosten-Nutzen-Analyse gibt es gratis dazu

Die Lenkungsfunktion von ESG-Ratings ist nicht auf Investoren beschränkt. Vorausgesetzt, die Kriterien für die Ergebnisse werden transparent kommuniziert, perfektionieren auch Unternehmen. Sie verbessern durch Vergleiche ­verschiedener Wettbewerber und ­Rating­anbieter ihr Verständnis von Nachhaltigkeit und etablierten Standards. Vorteile beim Zugang zu Kapital werden aufgrund des klimapolitischen Kaskadeneffekts immer wichtiger.

Darüber hinaus sind Ratings ein Spickzettel für das Management auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und effizienterem Öffentlichkeitsauftritt. Führungskräfte bekommen gratis Zugang zu einer Kosten-Schwächen-Analyse der eigenen Anstrengungen.

Der Vergleich mit Wettbewerbern mit besserem Rating (oder den Top-Platzierten) lässt Firmen und Geldgeber erkennen, was in der Branche machbar ist und wohin sich Unternehmen entwickeln können. Das Gleiche gilt für praktikable Lösungen zur Kostensenkung, für Imagegewinn und zufriedenere Mitarbeiter.

Zugleich Dolmetscher und Trendscout

Eine wichtige Hilfestellung ist, dass sich an den Kriterien der Nachhaltigkeits-Ratingagenturen bereits im Vorfeld ablesen lässt, welche ESG-Positionierung die jetzigen und künftigen Kapitaleigner und -geber erwarten. Die Agenturen fungieren somit als Unternehmensberater, Themenscouts und Dolmetscher für die wachsende Zahl nachhaltiger Investoren.

Exportfaktor ESG

Den Schlüssel zum weltweiten Klimaschutz findet man nicht vor der eigenen Haustür. Engagierte Fondsanbieter suchen nachhaltige Investments auch in Emerging Markets. Speziell im wenig transparenten Anleihenmarkt ist ESG-Erfahrung unverzichtbar.

Aufgetürmt

Im Grünen wohnen lässt sich auch im Hochhaus. Eine nachhaltige Umbesinnung steht auch in der Kapital­anlage an. Nordea mischt hier seit jeher vorne mit.

Gute Vorsätze, unklare Vorgaben

Neue Maßstäbe verändern das Investment. In den kommenden Jahren werden die ESG-Faktoren immer bedeutsamer: Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und eine korrekte Unternehmensführung (Governance) bestimmen künftig die Finanzmärkte.

2019-11-19T15:18:10+01:00